Gott im Kleiderschrank?

Mit Christus ist eine neue, zuvor nicht so präsente Dimension ins geistliche Leben, vielleicht sogar in die Religion selber, eingedrungen: die Intimität. Man muss nur die Tagebücher so vieler Heiliger lesen und kann sich ein Bild davon machen. Ein Bischof in Mexiko, der zur Zeit der Christenverfolgung um 1920 herum gelebt hat schrieb:

In dieser Zeit (der Verfolgung), ist Jesus zum Gipfel seiner Herablassung und seiner Vertraulichkeit gestiegen; er versteckt sich in Kleiderschränken und Möbeln; man empfängt Ihn zu jeder Zeit am Tag und in der Nacht, und ohne zuvor gefastet zu haben: die Gläubigen empfangen ihn per Hand; sie bringen ihn von einem Ort zum anderen. Einigen Personen, die sich über diese Seine Herablassung wunderten und sie sogar beklagten, anwortete ein Priester: „Die Liebe bringt ihn dazu…!“

Gott im Kleiderschrank? Wie kann man dass mit den großen, erhabenen und wirklichen Gotteserscheinungen von den Propheten, aber auch den Aposteln (Hl. Johannes und Hl. Paulus) unter einen Hut bringen? Wo liegt die Verbindung zwischen dem intimen Christus und dem ALLERHEILIGSTEN Gott, Schöpfer und Herrscher des Himmels und der Erde? Besteht nicht die Gefahr, dass besonders in der westlichen Spiritualität, Gottes Transzendenz, d.h. Seine Erhabenheit, verloren geht, und dies sich auch im Feiern Gottes (der Liturgie) wiederspiegelt?

Ich denke, dass die Menschwerdung Christi mit der für uns so wunderbare Folge in Intimität mit Christus – dem Mensch und Gott –  treten zu können, nicht einfach oberflächlich interpretiert werden darf. Gott ist Mensch geworden um uns in erster Linie von den Sünden zu erlösen. Aber die Art der Sündenerlösung – Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung – spiegelt noch ein zweites Anliegen wider.

Christus selber sagt uns:

Philippus sagte zu ihm: „Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.“ Jesus antwortete ihm: „Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?“ (Jn 148-9)

Denn gerade in Christus kommt für uns Menschen die ganze Heiligkeit und Strahlkraft Gottes zur Geltung, ohne unsere Freiheit anzunagen; und damit unsere Fähigkeit IHM ein authentische Liebesantwort zu geben.

Das verhüllte Antlitz Gottes in Christus offenbart genügend göttliche Eigenschaften, um unser Herz aufleben zu lassen. Wir wissen, dass Er, Christus allein derjenige ist, bei dem unser Herz zu Ruhe kommt (Hl. Augustin: „Fecisti nos ad te et inquietum est cor nostrum donec requiescat in te.“ Confess. 1, 1, 1). Gleichzeitig verhüllt Er seine Gottheit, Macht und Herrlichkeit, um unsere Freiheit nicht zu erdrücken. Denn damit würde auch die Fähigkeit zur echten Liebe erdrückt werden. Denn das ist klar: Freiheit wurde uns geschenkt allein um uns des Liebesaktes fähig zu machen. Und die Liebe wiederum macht uns gottfähig.

Welches sind hier die „logischen“ Schritte:

  1. Gott möchte uns an seiner Natur teilhaben lassen; an seiner gegenseitigen Liebesbeziehung innerhalb der Dreifaltigkeit.
  2. Dafür bekommen wir das erhaben Geschenk der Freiheit. Sie ist notwendig, um echt lieben zu können. Erzwungene Liebe ist keine Liebe, das wissen wir.
  3. Um aber den Kontakt mit uns zu erhalten, genügend nah zu sein, damit wir Ihn erfahren, kosten und ersehnen können, wird er Mensch und nennt uns nicht mehr Knechte, sondern Freunde (vgl. Jn 15,15).
  4. Dies öffnet uns die Tür, hauptsächlich durch die Gnade Gottes, aber auch unsere innere Bereitschaft, den „ersten Punkt“ zu erfüllen: uns einzupfropfen in die Liebesbeziehung der Dreifaltigkeit.

Das ist das Geheimnis der Menschwerdung Christi. In Worten von Papst Franziskus (Heilig Abend, 24. Dezember 2013)

In dieser Nacht teilen wir die Freude aus dem Evangelium: Gott liebt uns, er liebt uns so sehr, dass er uns seinen Sohn als Bruder geschenkt hat, als Licht in unserem Dunkel. Der Herr wiederholt: »Fürchtet euch nicht« (Lk 2,10), wie die Engel zu den Hirten sagten: „Fürchtet euch nicht!“ Und auch ich sage es euch allen noch einmal: Fürchtet euch nicht! Unser Vater ist geduldig, er liebt uns, er schenkt uns Jesus, um uns auf unserem Weg zum verheißenen Land zu führen. Er ist das Licht, das die Finsternis erhellt. Er ist die Barmherzigkeit: Unser Vater vergibt uns immer. Er ist unser Friede. Amen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s