Die Nostalgie der Schönheit

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Kuppel des Petersdom

Beim Hören von Kompositionen von Bach oder auch Beethoven, aber im Allgemeinen, wenn es sich um Kunst und Schönheit handelt, mischt sich in die Freude am Stück leicht auch eine innere Nostalgie. So für mich persönlich bei dieser Stelle des 5. Klavierkonzertes von Beethoven:

Ausschnitt aus dem ersten Satz des Konzertes, gespielt von Alfred Brendel (mit Sir Simon Rattle).

Ich empfinde diese Melodie als himmlische Glocken, die uns rufen. Noch können wir dem Ruf nicht ganz folgen. Deshalb schleicht sich etwas Trauriges hinein. Eine Sehnsucht. Auch die Ohnmacht, dieses Schöne zwar zu hören, es auch innerlich zu erfassen, aber nicht ganz zu besitzen.

Es ist ein „schon, aber noch nicht ganz“, ein „Erfassen, aber nicht völlig“, ein „Genießen“, aber nicht ohne die Furcht, es gleich wieder zu verlieren. Das Schöne erhascht man und dann ist es schon wieder weg.

Unser ganzes Leben ist geprägt von dieser inneren Spannung. Das Schöne und Gute scheint zu fliehen. Freundschaft verbindet Menschen, aber oft bleiben wir tief im Herzen allein. Selbst in der Ehe, im gegenseitigen Durchdringen zweier Leben, bleibt immer ein: „ganz versteht er/sie mich nicht“, „in aller Komplementarität fühle ich mich nicht völlig ergänzt durch meinen Mann/meine Frau“… Es bleibt ein Rest an Einsamkeit, den auch die beste Freundschaft und Ehe nicht austilgen können:

Wo der Mensch sein Alleinsein erfährt, erfährt er zugleich, wie sehr seine ganze Existenz ein Schrei nach dem Du ist und wie wenig er dazu gemacht ist, nur ein Ich in sich selbst zu sein. Dabei kann die Einsamkeit sich dem Menschen in verschiedenen Tiefen zeigen. Fürs erste kann sie gestillt werden durch das Finden eines menschlichen Du. Aber dann gibt es den paradoxen Vorgang, dass, nach einem Wort von Claudel, jedes Du, das der Mensch findet, sich zuletzt als eine unerfüllte und unerfüllbare Verheißung erweist (P. Claudel, Der seidene Schuh, Salzburg 1953, 288ff); dass jedes Du im Grunde doch auch wieder eine Enttäuschung ist und dass es einen Punkt gibt, wo keine Begegnung die letzte Einsamkeit übersteigen kann: Gerade auch das Finden und Gefundenhaben wird so wieder zum Rückverweis in die Einsamkeit, zu einem Ruf nach dem wirklich in die Tiefe des eigenen Ich hinabsteigenden, absoluten Du. (Joseph Ratzinger, Einführung ins Christentum, S. 76)

Ratzinger erwähnt hier diese innere Einsamkeit (eine Nostalgie) und interpretiert sie als „Offenheit“ um. Denn in uns finden wir eine Nostalgie nach echter Liebe, einen Drang nach ewiger Schönheit, eine Sehnsucht nach dem absoluten Guten. Wir wissen genau was es ist. Musik lässt es uns erfahren, ein Kunstwerk, aber auch die demütig gelebte Liebe wie die der Mutter Teresa. Diese Erfahrungen verbinden sich mit unserer inneren Leere und Offenheit. Der Schimmer des Absoluten kann in gelebter Liebe durchscheinen. Der Glanz des Einzig Schönen glimmt in diesem gehörten Konzert oder einer Bach „Chaconne“ auf. Erfahrene Einsamkeit kann auf einmal eine der „Wurzeln (sein), aus denen die Begegnung des Menschen mit Gott (aufsteigt)“ (Joseph Ratzinger, Einführung ins Christentum, S. 76)

Sie ist somit wie ein Sprungbrett. Nicht zu etwas Unpersönlichem, sondern zu einem „Du“. Und hier rennen wir vielleicht völlig überrascht und unbewusst in das große Geheimnis der Menschwerdung Gottes hinein und der „Brotwerdung“ des Gottessohnes. Auf einmal versteht unser Herz, was es bedeutet, dass Er, der Ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, Mensch geworden ist. Er wurde zu diesem über tausend Jahre hinweg gesuchten „Du“; Er wurde zu dem Punkt, der auch „die letzte Einsamkeit“ in uns übersteigt; Er ist „das wirklich in die Tiefe des eigenen Ich hinabsteigende, absolute Du.“

Ja, sehr versteckt und erhabenen: in der Eucharistie. Sie ist, da es Christus selber ist, schon ganz Erfüllung unserer tiefsten Sehnsüchte. Schon ganz Himmelreich hier auf Erden. Schon ganz Heiligkeit und Überwindung alles Bösen. Schon ganz Gott, „der alles in allem“ ist.

Iesu, quem velatum nunc aspicio,
Oro fiat illud quod tam sitio;
Ut te revelata cernens facie
Visu sim beatus tuae gloriae.

O Jesu, den verhüllt jetzt nur mein Auge sieht;
Wann stillst das Sehnen du, das in der Brust mir glüht:
Daß ich enthüllet dich anschau‘ von Angesicht
Und ewig selig sei in deiner Glorie Licht?

(Aus dem lateinischen Hymnus Adoro te devote)

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