Die Gestalt der Auferstehung

Lesungen der Osternacht I

Landschaft, Barend Cornelis Koekkoek

Landschaft, Barend Cornelis Koekkoek

Hans Urs von Balthasar hat eine besondere theologisch-philosophische Methode entwickelt. Er arbeitet in seiner großen Summa „Herrlichkeit“ die sogenannte „Gestalt“ verschiedener philosophischen und theologischen Systeme und auch Themen heraus. Gestalt heißt für ihn die Schönheit eines Gedankensystemes, welches versucht die Wirklichkeit in ihrer Ganzheit zu erfassen. Unter Schönheit versteht er das ausgewogene Zusammenspiel der verschiedenen Elemente, die Verbindung zwischen ihnen und deren Harmonie untereinander. Wahrheit ist für ihn so schön und symphonisch; so auch eines seiner Bücher: „Die Wahrheit ist symphonisch“.

In der Osternacht bietet uns die Liturgie sieben Lesungen des Alten Testamentes an. Ich möchte gerne den Versuch unternehmen die Methode Hans U. von Balthasars auf diese Lesungen anzuwenden. Natürlich begrenzt und nicht im streng theologischen Sinne. Es geht mir darum, zu zeigen, was die Kirche uns durch die Liturgie vermitteln möchte. Hier geht es nicht um abstraktes Spekulieren, sondern um lebendiges Wort Gottes, welches immer wirksam ist.

Ein erster Prisma durch den man die Lesungen sehen kann, ist die Harmonie. Harmonie heißt ein ausgeglichenes Verhältnis, sei es zwischen Dingen oder zwischen Personen. Die erste Lesung, die Schöpfungsgeschichte, führt uns ins Verständnis der Harmonie. Denn die ursprünglichste und tiefste Harmonie herrscht zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf. Wenn uns nun die Kirche in der Osternacht dieses Bild vor Augen stellt: Harmonie und Schönheit der Schöpfung, dann nicht grundlos. Es geht ihr darum zu zeigen, dass nur dort, wo Gott wirklich Gott sein kann und nicht verdrängt wird, Harmonie und Schönheit, Freude und Frieden herrschen.

Die zweite Lesung nimmt die ursprüngliche Harmonie zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung und wendet sie auf die Beziehung zwischen Gott und den Menschen an. Diesmal auf dramatische Weise: Gott bittet Abraham Ihm seinen Sohn zu opfern! Durch diese Bitte jedoch, können wir Zugang finden zur Grundeinstellung Abrahams: das Vertrauen. Der Befehl Gottes an Abraham, seinen Sohn zu opfern, ist in sich eine extreme Dissonanz. Doch hält Abraham fest an seinem unerschütterlichen Glauben an Gott. Er weiß, dass Gott gut ist und dass man sich ganz in Seine Hände geben kann. Sein Vertrauen und seine „abandon“ (französisch: sich aufgeben, Hingabe, sich verlassen) in Gott lassen keine Disharmonie zwischen Gott und ihm zu. Das ausgeglichene Verhältnis, das wir in der ersten Lesung zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung bewundert haben, bleibt in der Seele Abrahams bestehen. Er findet damit auch reichlich Belohnung von Seiten Gottes:  er wird „der Vater aller Gläubigen“!

In dieser beeindruckenden Stelle des Alten Testamentes setzt die Harmonie einen freien Schritt des Menschen hin auf Gott voraus! Das ist wunderbar, denn damit gewinnt die Schöpfung an einer Dimension der Schönheit. Schöpfung ist nun nicht eine vollkommene Maschine, die wie ein Schweizer Uhrwerk perfekt funktioniert, sondern auch Beziehung zwischen Gott und Menschen. Hier ist ein Mensch, Abraham, der frei auf Gott zu geht und ihm ganz vertraut. Abrahams Vertrauen ist eine freie Antwort auf die Berufung, die Gott an ihn richtete.

Somit sehen wir, wie uns in der Osternacht die Liturgie ein Ideal anbietet, welches wir in unserem Leben umsetzten können: vertrauensvoll und mit aller Freiheit „Ja“ zu Gott sagen und Seinen Weg in unserem Leben annehmen wollen. Dann werden wir wirklich auferstehen in Christus, der der Neue Mensch ist und noch vollkommener „Ja“ zu Gott seinem Vater gesagt hat als Abraham: „Da sage ich: Ja, ich komme, um deinen Willen, Gott, zu tun“ (Hebr 10,5-7).

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