Sind wir konsequent?

Anbetung des Lammes, Jan Van Eyck

Anbetung des Lammes, Jan Van Eyck

Das Referendum über die Homoehe in Irland hat hohe Wellen geschlagen. Interviews, Kommentare, Artikel, ein unglaubliches Hin und Her. Man bemerkt einerseits Erschrecken, Verstörung, einige versuchen dem mainstream hinterherzuhecheln, um nicht ganz unter die Räder der öffentlichen Meinung zu geraten, und für andere sollte man sich nicht so viel daraus machen, denn es sei wohl ein ganz normaler Schritt, der irgendwann kommen musste, und „das ist gut so“. Unruhe in der Kirche herrscht; der Schlag kann nur schlecht verarbeitet werden. Der Druck ist groß, denn gegen die gelebte Homosexualität zu sprechen scheint heute so abstrus zu sein, wie zu behaupten, dass die Sonne im Osten untergeht und nicht im Westen. Und dass dies alles auch noch im einst so katholischen Irland geschehen ist, gießt noch mehr Öl in die Wunde. Wie ist das möglich, fragt man sich? Andere jedoch sagen: endlich… endlich haben wir es in Europa geschafft, die mittelalterliche Tradition der katholischen Kirche zu überwinden und einen weiteren Schritt in Richtung Zukunft zu gehen. Eins ist klar: wir stehen (und das nun schon über Jahrzehnte) vor einem unglaublichen Umschwung innerhalb der Gesellschaft und scheinen immer noch nicht wirklich zu wissen, wie man sich als Christ und Katholik auf diesen einstellen muss. Was ist das Ergebnis?

Manchmal kommt mir die Kirche vor wie eine Trainingshalle von Boxkämpfern. Jeder hat dort seinen Ring und kämpft und gewinnt ganz eifrig. Dort der eher Traditionelle, dort der Zeitgemäße, dort derjenige, der auf Rom ausgerichtet ist, dort derjenige, der von Rom eher nichts wissen möchte. Dort die Pastoral, und hier die Dogmatik, dort die Theologie und hier die Psychologie. Alle haben alle möglichen Argumente auf ihrer Seite und freuen sich, wenn sie mal ein Interview geben können, um dort ganz klar zu sagen, was sie denken und wo es lang gehen sollte.

Aber eine Wunde klafft, und zwar ganz kräftig, in allen: wir alle merken, dass die Kirche hier in Europa einfach nicht mehr den Ton angibt. Und das schmerzt. War die Kirche nicht noch vor hundert Jahren diejenige, die das Sagen hatte? Was Bischof und Pfarrer gesagt haben, ob über Glaube, aber auch über die Lebensweise, das wurde angenommen und umgesetzt. Die Kirche war über Jahrhunderte hinweg Inhaber und Dirigent von Gedanken, Kultur, Wissenschaft und Moral. Wenn Touristen die Kunst des Barocks in den Städten Europas abklappern, dann heißt das implizit: von einer Kirche in die andere stiefeln. Universitäten, an denen für Jahrhunderte Philosophen, Wissenschaftler und Humanisten gelernt und gelehrt haben, wurden gegründet, geführt und überprüft von der Kirche. Die ersten rein laikalen Universitäten wurden nach der Französischen Revolution gegründet: 800 Jahre nach der Gründung der ersten Universität durch die Kirche! Aber das Ruder der Gesellschaft ist der Kirche immer mehr aus der Hand geglitten.

Ein Referendum in Irland zeigt dann das Ausmaß dieser fehlenden Präsenz in Europa, dieses fehlenden Einflusses auf den mainstream, auf die Denk- und Handlungsweise der Menschen. Dann kommen Stimmen auf, die ganz zurecht darauf hinweisen, wie viel die europäische Kultur dem Christentum zu verdanken hat. Man fühlt sich leicht verletzt, nicht ernst genommen, verlacht und abgeschoben. Wie jemand, der noch vor kurzer Zeit Millionen auf seinem Konto hatte, die er dann auf einmal vollständig verliert. Dabei hatte er doch so sehr dafür gearbeitet, geschuftet und geschwitzt.

Aber ist das alles? Müssen wir nun von dem Empfinden, etwas erreicht zu haben, zum Nachweinen schreiten über das, was verloren gegangen ist? Nein: der Schritt, der getan werden muss, ist ein Schritt in die Freiheit. Aber eine richtig verstandene Freiheit, und zwar die des Kreuzes:

Im Leben Jesu hat es einen Augenblick des Stillstand und der Peripetie gegeben (die Synoptiker gliedern ihre ganze Schilderung nach ihr), da die Sensation seiner Worte und Wunder, die Begeisterung der Massen ihren Sättigungsgrad erreicht hatten, während der wachsende Widerstand der Führer zum Todesbeschluss gerann. Von diesem Augenblick an schlägt Jesus „unverwandten Blickes“ die Richtung nach Jerusalem ein, die bestürzten Jünger hinter sich herziehend und wohl wissend, was ihn erwartet. (…) Warum sollte die weltgeschichtliche Stunde nicht auch für die Kirche schlagen, warum nicht heute? Dann müsste ihr Abstieg an der andern Böschung ebenso unbeirrten Fußes erfolgen wie der frühere Aufstieg. Eine innere Angst braucht ihr nicht erspart zu werden; ihr Herr hat sie auch gekannt. (H.U. von Balthasar, Katholisch, S.11)

Einzelne Boxkämpfe zu gewinnen, ist nicht das Wesentliche. Es geht darum, den Blick zu heben und dorthin zu schauen, wo die Kirche ihren Ursprung gefunden hat:

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Und der, der es gesehen hat, hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr. Und er weiß, dass er Wahres berichtet, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit sich das Schriftwort erfüllte: Man soll an ihm kein Gebein zerbrechen. Und ein anderes Schriftwort sagt: Sie werden auf den blicken, den sie durchbohrt haben. (Joh 19, 33-36)

Denn die heutige dramatische Situation – eben oft die Böschung hinab – hält uns klarer denn je vor Augen, dass Kirche nicht horizontal verstanden werden kann, sondern nur „von oben“, vom Zentrum aus. Nur dann renkt sich alles andere ein, stellt sich an den richtigen Platz. Nur dann können auch die kleinlichen Boxkämpfe gewonnen werden; und oft braucht es das dann auch nicht mehr. Nur dann erreichen wir eine neue Freiheit und Frische. Die Kirche ist die Braut Christi, entnommen aus der Seite des Gekreuzigten. Christus hat den Tod besiegt, aber erst nachdem er alle Leiden der Menschheit auf sich genommen hat. Leiden der Menschen heißt: Sünde, Verwirrung, Stolz, „Besserwissen“, physisches Leid, psychisches Leid, Rebellion und Auflehnen gegen Gott und seine Gesandten, Eitelkeit und Menschenfurcht, Hartherzigkeit und Verschlossenheit; und die Liste kann weitergeführt werden. Dies alles ist in Christus von Gott aufgenommen worden, um verwandelt zu werden.

Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. (Mt 28,18)

Die Macht Gottes, welche in Christus zum Vorschein tritt und uns in Ihm zugänglich wird, ist die Macht der Erlösung, der Heilung im tiefen Sinne (von Sünde und Tod), die Macht des Erbarmens, welche eine Umkehr voraussetzt, die Macht Kinder Gottes zu werden. Der geschundene Leib Christi ist bestimmt zur Auferstehung. Der geschundene Leib der Kirche lebt schon innerhalb des Auferstandenen: Christus der für uns vor dem Vater eintritt.

Ist nicht gerade dies für uns so unglaublich schwer umzusetzen? Diese beiden Ebenen der Wirklichkeit- die Geheimnisse, die wir gelernt haben und feiern, und unsere Situation auf Erde mit ihren Fragen und Leiden- zu verbinden, ja zu verschmelzen? Reduzieren wir nicht Auferstehung und Tod Christi auf einen Gebetsinhalt, den wir ein paar Mal im Jahr aus der Schublade kramen?

Oder leben wir aus der Überzeugung und Erfahrung heraus, dass wir teilhaben dürfen an der lebendigen Botschaft Christi, vergegenwärtigt in der Kirche, ganz besonderes durch die Sakramente? Eine Botschaft, die den Lauf der Zeit und der Geschichte völlig verändert und gänzlich neu bestimmt hat: die Menschheit wurde zurückgespielt in die Hände des Allmächtigen Gottes!

Konsequent sein und leben: das ist die tägliche Anforderung an uns. Konsequent sein mit Ihm, aus dem wir leben. Frei sein vom Nachweinen dessen, was man verloren glaubt. Frei sein für die Revolution aller Revolutionen: der Tod Christi am Kreuz, um alle Menschen zurückzuführen zu Gott.

Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist. (Eph 1,10)

Dies ist kein Theologumenon: kein Hirngespinst, welches man auf den verstaubten Schulbänken der mittelalterlichen katholischen Erziehungsanstalten gelehrt hat. Dies ist die einzige Wahrheit, das einzige Leben, der einzige Weg, welcher ALLE Menschen zur tiefen, echten und einzigen Erfüllung und Freiheit führen kann. Die Situation der Kirche in der Welt ist genau deswegen wunderbar: denn sie lebt aus dieser Wahrheit, und weiß sich gesandt zu ALLEN Menschen, um die immer wieder neue und gleichzeitig Ewige Heilsbotschaft den Menschen unverfälscht anzubieten. Wir sind Mitarbeiter eines immensen Heilsplans Gottes: nicht mehr und nicht weniger!

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