Innerer als ich mir selbst

Tu autem eras interior intimo meo et superior summo meo

Schöpfung, Michelangelo

Die Schöpfung Adams, Michelangelo

Ziel eines jeden Menschen ist die Einheit mit Gott. Schon der Katechismus rückt dies an den Anfang und somit ins Zentrum.

Gott ist in sich unendlich vollkommen und glücklich. In einem aus reiner Güte gefaßten Ratschluß hat er den Menschen aus freiem Willen erschaffen, damit dieser an seinem glückseligen Leben teilhabe. (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1)

Unser Leben bekommt mit diesem Ziel eine Richtung, einen Sinn, ein Streben und dadurch Bewegung.

Nur ist der Weg zu Gott anstrengend und voll Hindernissen. Nicht nur äußere Schwellen machen uns zu schaffen, sondern besonders die angebliche Unfähigkeit, uns mit dem Geistlichen und Göttlichen zu befassen. Wir scheinen die Sprache des Geistes nicht zu sprechen. Alles was nicht mit unseren Sinnen erfasst werden kann, scheint uns fremd. Der Umgang mit der übernatürlichen Welt erzeugt in uns eine gewisse Unbeholfenheit.

Und dennoch wissen wir, dass Gott Ziel ist unseres ganzen Lebens. Es steht in unserem Herz geschrieben. Inquietum est cor meum, donec requiesciat in Te! Ein Spruch des Hl. Augustinus, der wohl vielen Menschen, ob nun „praktizierend“ oder nicht, ins Herz gefallen ist. Unser innerer Blick ist nach oben gerichtet, nach vorne, in die ewige Zukunft; ausgestattet mit einer tiefen Sehnsucht, einem Wunsch nach vollkommener Erfüllung und gänzlichem Frieden.

Das Leben in Christus, besonders das Sakramentenleben, nimmt diese Bewegung in Richtung Zukunft und ewiger Erfüllung auf und gibt ihr eine Unterstützung, einen neuen Schwung, eine Richtung und einen tieferen Sinn. Die Bezeichnung „schon jetzt, aber noch nicht“ – eine Zusammenfassung unserer Situation hier auf Erden nach der Auferstehung und Himmelfahrt Christi –  drückt diese Wahrheit aus. Wir leben schon in Gott, aber warten noch auf die entgültige Erfüllung.

Schauen wir aber mal genauer auf das „schon jetzt“. Denn eines ist gewiss: der Blick nach vorne und die Sehnsucht, lassen uns oft vergessen, was wir schon haben! Besonders einen Aspekt von dem „schon jetzt“ wollte ich ansprechen: die Schöpfer-Geschöpf Beziehung.

Hier geht es um unseren Ursprung. Wohl die intimste Beziehung, die man auf Erden erleben kann, ist die Mutter-Kind Beziehung. Schon die Schwangerschaft verbinden zwei Leben auf ganz besondere Art. Allein körperlich, um so mehr seelisch und geistig sind diese beiden Leben ineinander verstrickt, und wirken sich wesentlich auf die Entwicklung beider aus. Die Person eines Kindes wird geformt oder verformt, von der Art wie seine Mutter Liebe ausgedrückt hat. Die Mutter wächst, oder kann verfallen, mit der Geburt und der Erziehung ihrer Kinder.

Nun geht es hier aber nicht nur um die Mutter-Beziehung, sondern die Beziehung zu meinem Schöpfer. Hier öffnet sich eine ganz neue Dimension für die Betrachtung, an die wir oft nicht gewohnt sind zu denken: ich weiß, dass mein Sein ganz aus Gott entsprungen ist. Allein Er kennt mich durch und durch, hat alle Fasern meines Lebens gelegt und geregelt.

Es ist aufregend, dies zu vertiefen, denn Gott rückt einem näher als man denkt. Es geht nämlich nicht um einen entfernten Moment, den Anfang unserer Existenz, sondern darum, dass wir von Ihm im Sein erhalten werden. So sind wir ständig angeschlossen an den Existenzstrom Gottes selber.

Der Beter, der das Wort Gottes betrachtet, muss von diesem elementaren Glaubensbewusstsein ergriffen werden: dass die ganze kompakte Solidität seines geschöpflichen Seins und Wesens und der alltäglichen Welt, in der er sich vorfindet und zurechtfindet, wie ein Schiff über der Untiefe eines ganz anderen, des einzig absoluten und entscheidenden Elementes, der unergründlichen Liebe des Vaters gleite. (H. U. von Balthasar, Das betrachtende Gebet, 36)

Es ist die Beziehung zu einem Gott, der sich als Person offenbart hat. Unsere Beziehung „erscheint getragen von solchen Wundern unbegreiflicher Liebe Gottes“ (Balthasar, Das betrachtende Gebet, 37), und durchbricht somit die kalte und neutrale Beziehung  zu einem abstraktem, unpersönlichem „Schöpfer“.

Dieser Schöpfergott erscheint nun nicht nur als Ursprung meines Seins, sondern in Christus auch als die Göttliche Person („In Christus wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen.“ Kol 1,16 ) aus der wir entstanden sind, als das Unendliche Du, welches meine Endlichem Ich einen tiefen Sinn und eine vollkommene Anwort auf das Streben nach Liebe gibt (Joseph Ratzinger hebt dies hervor in seinem Buch „Einführung ins Christentum“). Die Dreifaltigkeit ist somit im Vater letzte Ursache meines Seins, aber auch in Christus „bergender Grund“ meiner Person.

Dies ist ein neuer Weg der Betrachtung. Er führt uns zu einem Gott, der dann erfahren wird als „innerlicher als mir selbst, vernünftiger als meine Vernunft.“ (Balthasar, Das betrachtende Gebet, 54)

Tu autem eras interior intimo meo et superior summo meo. Du aber warst mir innerer als ich mir selbst, höher als alles mir Hohe. (Hl. Augustinus,

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