Der Sprung der Evangelisierung

Lehre der Kirche und Pastoral…

#StreetFaith, Mission in Rom

#StreetFaith, Mission in Rom

Vor einigen Monaten durfte ich an Stadtmissionen in Rom (#streetfaith) teilnehmen. Scheint eigentlich ein Widerspruch in sich zu sein: Stadtmission in der Stadt, die doch das Herz der Kirche ist. Notwendig jedoch ist es, auch besonders wegen der vielen Touristen, die Rom von außen anschauen, aber nicht von innen.

Dabei hatte ich eine interessante Begegnung mit einem jungen Mädchen aus China. Wir standen vor der Kapelle Santa Barbara mit einem großen Holzkreuz, gespickt mit Anliegezetteln. Sie kommt auf uns zu und fragt ganz offen, was denn das alles bedeute. Ihr dann zu erklären wer wir sind und was wir machen, war nicht einfach. Nicht, da sie mit vielen Vorurteilen gegenhielt, sondern da sie keine Vorurteile hatte. Das hieß für mich bei Null anfangen.

Da merkte ich, besonders als es darum ging, die Menschwerdung und den Kreuzestod Christi, wie auch seine Auferstehung zu erklären (soweit man es erklären kann), wie verrückt doch unser Glauben ist. Besonders, wenn man ihn jemandem anbietet, der offen ist, aber eben ganz von draußen kommt.

Nun ist dies ein Mädchen aus China gewesen, aus einem nicht-christlichen Land. Aber wie sehr wissen wir, dass das „von draußen kommen“ auch schon auf den Großteil der Menschen anwendbar ist, die aus christlichen Gegenden und Ländern kommen. Oft ist es bei ihnen – gerade wegen der Vorurteile – noch schwieriger die christliche Botschaft zu überbringen.

Was geschieht? Wir scheinen in einem Dilemma zu stecken. Die christliche Heilsbotschaft wird nicht mehr verstanden; sie scheint der Zeit, mit ihren rasanten Änderungen, nicht mehr gerecht zu werden. Botschaft und Verkündigung driften auseinander; Inhalt und Übermittlung; Substanz und Form. In anderen Worten (und hier kommen wohl viele Debatten der letzten Monate und Jahre in Erinnerung) Lehramt und Pastoral (verstanden als Übermittlung und Hinführen zur Heilsbotschaft) sind anscheinend nicht mehr vereinbar.

Jedoch zwingt dies uns, tiefer zu gehen, und das wirkliche Problem zu erfassen: Geht es für uns um die Art der Übermittlung, welche verbessert werden sollte? Oder bröckelt ein bisschen – oder nicht nur ein bisschen – unsere Überzeugung, dass der Glaubensinhalt in sich nicht mehr den heutigen Umständen gerecht ist?

Wenn ich mir vor dem guten chinesischem Mädchen doch ein bisschen lächerlich vorkam: dann weil ich selber die christliche Botschaft zu exotisch und weltfremd empfinde? Das kann man wirklich empfinden. Jedoch kommt hier ins Spiel, was uns selber und unsere Existenz immer wieder durchschütteln sollte: der Glaube an die Offenbarung Gottes in Christus.

Was Gott zum Heil aller Völker geoffenbart hatte, das sollte – so hat er in Güte verfügt – für alle Zeiten unversehrt erhalten bleiben und allen Geschlechtern weitergegeben werden. Darum hat Christus der Herr, in dem die ganze Offenbarung des höchsten Gottes sich vollendet (vgl. 2 Kor 1,20; 3,16 – 4,6), den Aposteln geboten, das Evangelium, das er als die Erfüllung der früher ergangenen prophetischen Verheißung selbst gebracht und persönlich öffentlich verkündet hat, allen zu predigen als die Quelle jeglicher Heilswahrheit und Sittenlehre und ihnen so göttliche Gaben mitzuteilen. (…) Damit das Evangelium in der Kirche für immer unversehrt und lebendig bewahrt werde, haben die Apostel Bischöfe als ihre Nachfolger zurückgelassen und ihnen „ihr eigenes Lehramt überliefert“. (Dei Verbum 7)

Denn der Glaube erlaubt mir zwei Sprünge (J. Ratzinger spricht über den Glauben als Sprung im Buch „Einführung ins Christentum“). Zum einen den persönlichen existenziellen Sprung in Richtung Gott und Seine Offenbarung: ich glaube daran, dass sich uns Gott in Christus offenbart hat, und wir in Christus und nur in Ihm das Heil erlangen. Zum anderen aber, dass diese Wahrheit nicht nur für mich bestimmt ist, sondern auch für die Person, die nun vor mir steht.

#StreetFaith, Missionen in Rom

#StreetFaith, Missionen in Rom

Da liegt genau die Spannung, die wir aber (er)tragen müssen. Denn mein Glaube stützt sich letztlich nicht darauf, dass er sich mir gänzlich logisch und erklärbar präsentiert. Das hat die Begegnung mit der Chinesin mir gezeigt, und das muss ich immer wieder persönlich erleben. Der Glaube verlangt von mir immer wieder ein Zusagen zu dem, was ich nicht gänzlich erfassen kann. Der Glaubensinhalt übersteigt mich. Er verlangt eben „Glauben“, Festhalten an einer Wahrheit, die ich mir nicht selber erfinde, sondern die mir von Außen angeboten wird.

Zum anderen aber ist der Glaubensinhalt mir nicht fremd; oft scheint er eher ein Wiederfinden von etwas Verlorenem zu sein; ein Paradise lost and found. Ich fühle mich weder eingenommen von etwas Fremden, noch eingeladen in etwas Fremdes.

Diese beiden anscheinend gegensetzlichen Dimensionen ergänzen sich wunderbar. Denn sie helfen mir, den Glaubensinhalt als persönliche Erfüllung (Verwirklichung) zu erfahren, und ihn gleichzeitig als eine mich übersteigende Wahrheit anzunehmen. Sie gibt mir nun auch das „Recht“, andere an diesem Glauben teilhaben zu lassen. Nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, denn in Christus wurde alles erschaffen und strebt somit zu Erfüllung in Ihm.

Nun müssen wir aber noch einen Schritt weitergehen. Wenn der Glaubensinhalt und die Offenbarung Gottes in Christus (und somit in der Kirche) DIE Antwort ist auf die Suche des Menschen nach Sinn und Ziel, und dieser Inhalt einen Sprung im Glauben erfordert (früher oder später), dann müssen wir uns nicht wundern, wenn nicht immer alles so glatt und wunderbar angenommen wird. Den den Sprung zu schaffen, ist nicht einfach und fordert Vertrauen in die Person (Gott), die mich einlädt, zu springen.

Dadurch das die Lehre  der Kirche (Dogma im weiten Sinne), als konkrete Überlieferung der Heilsworte, aus einer von uns nicht zu erfassenden Quelle schöpft – nämlich Gott selber – wird sie von uns auch immer die Spannung des Glaubens verlangen. Sie wird von uns den Sprung des Glaubens erfordern.

Diese Spannung ist heilend, denn sie ist oft auch Reinigung von unseren eigenen Konzepten und Vorstellungen. Sie erfordert von uns, die wir den Glauben auch weitergeben wollen und müssen, Demut und Kohärenz. Sie bringt uns aber auch dem Menschen näher, denn wir bieten ihnen nicht ein von uns gänzlich durchschautes und durchleutetes Paket an, sondern eine lebendige Botschaft, die wir auch selber immer besser verstehen und annehmen müssen. Wir bieten ihnen eine Botschaft an, die nicht unsere eigene ist, und die wir selber auch noch erlernen und immer besser annehmen dürfen.

So wird aus der Pastoral nicht ein banales Angleichen, um möglichst mehr zu gewinnen, sondern ein Anbieten, um sich zusammen aufzumachen, „die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt.“ (Eph 3, 18-19)

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