Die Macht des Orpheus

Erster Advent

Weihnachten ist neben Ostern das große christliche Fest.  Es aber einfach nur „christliches Fest“ zu nennen, wäre ungenügend.  Es ist nämlich nicht nur Fest einer bestimmten Menschengruppe. Vielmehr wird ein Ereignis „gefeiert“, welches den christlichen Rahme sprengt.

Weihnachten ist kein „Betriebsfest“, sondern Gottes Antwort auf die tiefsten Sehnsüchte des Menschen. Vier möchte ich in dieser Vorbereitung auf Weihnachten hervorheben, und sie kurz kommentieren: die Sehnsucht nach Frieden, Erfüllung, Liebe und tiefer Gemeinschaft. Dazu erlaube ich mir Brücken zu bauen zu verschiedenen klassischen Musikstücken.

Im 2. Satz des vierten Klavierkonzertes von Beethoven, begegnen wir einem dramatischen Kontrast (hier eine Aufnahme von Alfred Brendel und Sir Simon Rattle: link). Die Gewalt des Orchesters versucht die Ruhe und den Frieden des Klavieres zu bekämpfen. Anfangs scheint das Orchester übermächtig. Langsam aber entwickelt sich das Stück immer mehr zu Gunsten des Klaviers. Es lässt sich mit seiner inneren Sicherheit nicht aus der Ruhe bringen. Der Solist fordert die grobe Kraft des Orchesters mit Fragen heraus, welche langsam zu einem Einlenken führen. So kann sich die friedvolle und tief in sich ruhende Melodie des Pianos immer mehr entwickeln, bis es mit all ihrer Schönheit, aber auch Stärke, den ganzen zweiten Satz bestimmt.

Der Satz wird wohl in der Orpheussage seine Anregung gefunden haben. Schönheit der Musik und die Liebe erweichen die Härte der Unterwelt. Diese Macht des Unscheinbaren und Kleinen ist dem Weihnachtsgeheimnis nicht fern. Denn trotz der Gewalt der Welt, die uns immer mehr zu unterdrücken scheint, rüttelt die Botschaft eines Gottes, der ein hilfloses Kind wird, an den anscheinend eisernen Säulen der Weltgeschichte. Das göttliche Kind in der Krippe ist eine Herausforderung für unsere Selbstsicherheit, für die Selbstsicherheit der Weltmächte. Es ist eine zarte Stimme, welche jedoch eine mächtige Frage an jeden Menschen stellt.

In diesem wunderbaren Satz des Klavierkonzertes erobert der Friede eines Einzelnen den Unfrieden eines ganzes Orchester. In Christus möchte ein Kinderherz die „erwachsenen“ Herzen der Menschen erobern. Wenn man am Heiligabend selbstsichere Männer das Christkind küssen sieht, dann erfasst man die Stärke der Weihnachtsbotschaft: mit der Menschwerdung Christi lernen wir wieder Kinder Gottes zu werden und somit die Pforten unseres Herzens seinem Frieden zu öffnen.

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