In ihm werden sich segnen alle Völker der Erde

Weihnachten

Neben der Sehnsucht nach Frieden, nach Einheit und Erfüllung, die wir in den letzten Betrachtungen über Advent und Weihnachten erwähnt haben, gibt es auch die Sehnsucht in uns nach eine Person, welche unser Menschsein anspricht und erfüllt. Joseph Ratzinger schreibt in Einführung ins Christentum:

Die Einsamkeit ist ohne Zweifel eine der wesentlichen Wurzeln, aus denen die Begegnung des Menschen mit Gott aufgestiegen ist. Wo der Mensch sein Alleinsein erfährt, erfährt er zugleich, wie sehr seine ganze Existenz ein Schrei nach dem Du ist und wie wenig er dazu gemacht ist, nur ein Ich in sich selbst zu sein. Dabei kann die Einsamkeit sich dem Menschen in verschiedenen Tiefen zeigen. Fürs erste kann sie gestillt werden durch das Finden eines menschlichen Du. Aber dann gibt es den paradoxen Vorgang, dass nach einem Wort von Claudel jedes Du, das der Mensch findet, sich zuletzt als eine unerfüllte und unerfüllbare Verheißung erweist; dass jedes Du im Grunde doch auch wieder eine Enttäuschung ist und dass es einen Punkt gibt, wo keine Begegnung die letzte Einsamkeit übersteigen kann: Gerade auch das Finden und Gefundenhaben wird so wieder zum Rückverweis in die Einsamkeit, zu einem Ruf nach dem wirklich in die Tiefe des eigenen Ich hinabsteigenden, absoluten Du. (Joseph Ratzinger, Einführung ins Christentum, S. 75-76)

Dass wir hier auf eine wichtige Wahrheit im Bezug zu Menschwerdung Gottes stoßen, ist klar. Sagt doch J. Ratzinger, schon als Papst Benedikt in Deus Caritas Est:

Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluß oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont. (Deus Caritas Est, Nr. 1)

Jedoch müssen wir dies in aller Tiefe verstehen. Es geht hier nicht nur um das Finden einer Person, die endlich auf banale Art alle meine Sehnsüchte erfüllt. Damit würden wir die Botschaft Gottes zu sehr unseren Bedürfnissen anpassen, und sie somit reduzieren. In der Menschwerdung Gottes treffen wir auf eine noch umfassendere Wahrheit, die uns somit auch  tiefer in das hineinführt, was wir als Menschen sind. Im Christentum treffen wir nicht einfachen den „besten Freund“, sondern Jemanden ganz anderen, der unserer Beziehungen auf eine ganz neue Ebene erhebt, und in uns somit etwas ganz Neues schafft.

Oft erfahren wir, wie die spontane Bewegung unserer selbst in Richtung Gott nicht einfach ist, da Gott so unfassbar für uns ist: er bleibt so sehr im Dunkeln. Gebet ist schwierig, noch schwieriger unseren Alltag einigermaßen mit Gott und seinem Willen abzustimmen. Besonders, das ja nicht immer klar ist, was Er denn möchte. Diese innere Behinderung war in der Geschichte der Menschheit immer anwesend, und es wurde mit viel Mühe versucht, sie zu überwinden. Seien es nun religiöse Riten der Urvölker, oder auch weit entwickelte Meditationskünste der östlichen Religionen, alle versuchen oft auf sehr wertvolle Art, dem Göttlichen nahe zu kommen. Alle stoßen aber auch auf Grenzen. Denn im Grunde sind es immer entweder besondere Riten/Praktiken,  besondere Momente oder besondere Lebensweisen (Mönche) welche diese Brücke zum Göttlichen schlagen wollen. Das alltägliche Menschenleben, und somit der Mensch als Ganzes in seiner konkreten Lebenssituation, bleiben ausgeschlossen aus der Gottesbeziehung.

Die Menschwerdung Gottes gibt diesem Streben eine neue Richtung. Denn in Christus verbinden sich zwei Ebenen: Gott kommt uns näher (Christus als Gott), und gleichzeitig bring Christus als Mensch den Menschen Gott näher. So bietet sich in Christus, als Menschgewordener Gott, ein neues Terrain der Gottesanbetung an. Der Hebräerbrief betont das Neue diese Gottesanbetung.

Darum spricht Christus bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle -, um deinen Willen, Gott, zu tun. Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden; dann aber hat er gesagt: Ja, ich komme, um deinen Willen zu tun. So hebt Christus das erste auf, um das zweite in Kraft zu setzen. Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Opfergabe des Leibes Jesu Christi ein für alle Mal geheiligt. (Heb. 10, 5-10)

Die Grundidee ist, dass aus den zusätzlichen Riten, mit denen wir versucht haben uns Gott zu nähern, nun in Christus das Leben des Menschen selber zur Anbetung wird (werden kann). Gottesanbetung ist nun in Christus etwas ganz anderes und Neues. Wir selber, die wir durch die Taufe einverleibt sind in Christus, sind nun selber Anbetung; wir „machen“ nicht mehr „Anbetung“. Diese Beziehung mit Christus versetzt mich in einen ganz neuen Raum der Anbetung; lässt mich Teilhaben an einer Anbetung Gottes, die in Christus selber vollkommen ist.

Dies hebt  nun auch die Ich-Du-Beziehung, die Joseph Ratzinger in seinem Buch anspricht, auf eine ganz andere und tiefere Ebene. Unser Drang nach einem Du durchbricht nun in Christus die weltlich-zeitlichen Dimensionen, und kann auf eine nie vorher erfahrene Weise, Kontakt mit Gott aufnehmen, von dem wir geschaffen sind. Somit ist in Christus nicht der „beste Freund“ für immer gefunden. Vielmehr ist unser ganzes Sein in Ihm zurückgekommen zu seinem Ursprung und umgewandelt in ständige Anbetung. Unser ganzes Leben darf nun reine Gottesbeziehung sein.

Dies übertrifft unsere Vorstellungen von Gott und unserem Leben in Ihm bei weitem. Aber es erfordert auch ein Leben im Halbdunkel des Glaubens, welcher uns jedoch ganz unerwartete Reichtümer anbietet. So übertrifft Gott all unsere Vorstellungen von einem Leben in Ihm. Auf dieses Abenteuer dürfen wir uns mit allem Mut einlassen.

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Ein Gedanke zu “In ihm werden sich segnen alle Völker der Erde

  1. Danke für die schöne Betrachtung 🙂 hilft auf jeden Fall sich mehr auf den heutigen Abend zu besinnen, auf die Begegnung mit dem“Du“, der in unserem Herzen Platz nehmen soll! Frohe und gesegnete Weihnachten!!

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