Logik der Menschwerdung

Sant'Ivo della Sapienza, Rom

Sant’Ivo della Sapienza, Rom

Den konkreten Willen Gottes im eigenen Leben zu erfassen, ist nicht einfach. Oft bleibt das „was“ seines Willens im Halbdunkel, und schwer zu erfassen. Aber das „wie“ dies Handeln Gottes ist oft einfacher zu begreifen. Gottes Handeln hat gewisse Muster. Wenn man diese erfasst, dann öffnen sich oft neue Horizonte im Leben und das Verständnis über Geschehnisse. Die Menschwerdung Gottes bietet uns eines dieser Muster an, eine Logik: die Logik der Menschwerdung.

Wenn jemand heiratet, bekommt man generell eine Einladung zur Hochzeit. Diese wird von einem Postboten in Dienstkleidung überreicht; Dienstkleidung eines Postboten hat nichts besonders feierliches. Die Einladung selber mag ein wenig feierlicher sein; vielleicht hat sie sogar ein nettes Schleifchen und Goldenen Buchstaben. Die „Verwirklichung“ der Hochzeit jedoch ist die wahre Feier: Hochzeiten glänzen nur so an Festlichkeit und Eleganz.

In der Weihnachtserzählung des Hl. Lukas treffen wir jedoch genau auf das Gegenteil. Was bei Hochzeiten generell das „Unfeierlichste“ ist, der Bote – der Postbote – wird im Lukasevangelium als das Feierlichste präsentiert: „Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz (Griechisch: doxa, d.h. göttlicher Ruhm) des Herrn (im Hebräischen bedeutet der Titel Herr „Gott“ selber) umstrahlte sie“ (Lk 2,9). Die Botschaft selber, wenn auch ein bisschen weniger, glänzt auch noch: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll“ (Lk 2,10). Aber dann treffen wir auf eine Verwirklichung, die nun nichts mehr an Glanz und Feierlichkeit hat: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“ (Lk 2,12), in einem Stall, umgeben von Ochs und Esel.

Ist die Verwirklichung der Heilsbotschaft ein Absturz ins Banale? Wohl nicht, sondern tiefe Weisheit Gottes, der in der Menschwerdung Seine wirkliche Handelsart offenbart. Es reicht auf viele Elemente des Christentums und der Kirche zu schauen, und wir werden sehen, wie sehr sich diese „Logik der Menschwerdung“ wiederholt.

Schon allein in den Sakramenten handelt Gott oft nach diesem Muster. Bote und Botschaft erhalten innerhalb der Messe noch einen Anteil an Glanz und Feierlichkeit, doch die Verwirklichung ist fade: eine weiße Hostie. Die Ehe wird in der Hochzeitsfeier mit viel Pomp gefeiert, doch die Verwirklichung ist oft sehr hart und trocken: das Eheleben. Eine Priesterweihe ist wohl einer der ergreifendsten Feiern, doch der alltägliche heilige Dienst ist oft ein „Steineklopfen“. Auch in der Theologie und Katechese kann diese Logik aufkommen. Kirche als Geheimnis des Mystischen Leibes Christi ist wohl eine atemberaubende Wahrheit, doch der Blick in die Wirklichkeit der Kirche nimmt uns manchmal den Atem. Das Wohnen der Heiligen Dreifaltigkeit in der Seele des Getauften lässt uns ehrfürchtig innehalten, wenn man davon hört, doch das alltägliche persönliche Gebet ist nur zu oft Trockenheit.

Hinter dieser Logik steckt immer der Wunsch Gottes uns mit einem reineren Wasser zu tränken. Denn wie so oft in der Welt das wirklich Wertvolle nicht viel schreit noch glänzt, sondern seinen Wert eher versteckt, so auch im Geistlichen. Somit begleitet uns die „Logik der Menschwerdung“ zur wirklichen Tiefe der Geheimnisse Gottes.

Dies aus zwei Gründen. Erstens übersteigt alles Göttliche die Sinneswelt über weites (im positiven Sinne: es ist kein Abstrich, sondern eine ganz andere und erhobenere Welt), und somit möchte Gott uns herausführen aus dem Banalen und Vergänglichen, um uns ins Wunder des Göttlichen einzuführen.

Zweitens ist unsere Aufnahmefähigkeit zu begrenzt um die Größe und Schönheit Gottes zu erfassen. Somit „zwingt“ uns die Logik der Menschwerdung vor Gott innerlich mehr zu schweigen, als zu versuchen alles zu ergründen. So wie man vor der Schönheit der Natur oder eines Musikstückes eher schweigen möchte, um es nicht zu zerreden, so noch mehr vor dem Geheimnis Gottes. Demut heißt, die Wahrheit Gottes durch unsere Lebenseinstellung zu respektieren und zu ehren. Schweigen vor dem Geheimnis der Menschwerdung, Annehmen und „abandone“ (innere Hingabe gegenüber dem Willen Gottes) ist Demut. Diese öffnet uns dann auch eine neue, oft versteckte Tür zum wunderbaren Geheimnis des Menschensohnes, Christi.

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