Die Brücke in der Wüste

Betrachtung zum 1. Fastensonntag

Wüste

Wüste

Für diesen ersten Fastensonntag möchte ich zwei Bilder anbieten. Eines nehme ich aus der ersten Lesung des heutigen Sonntags, ein anderes aus dem ersten Akt des Buchs Der Seidene Schuh von Paul Claudel.

In der ersten Lesung geht es um die Erinnerung. Mose fordert die Israeliten auf, sich im Gebet an die großen Taten Gottes während des Exodus aus Ägypten zu erinnern. Jedoch geht es um sehr viel mehr als nur um ein Nachdenken darüber, was Gott mal in der Vergangenheit an Großem gemacht hat. Es ist kein Träumen, sondern eine Vergegenwärtigung der Macht Gottes. Durch dieses Gebet wird Gottes Wirken verkündet als Wirken auch im Jetzt.

Das Volk steht kurz vor dem Einzug ins Heilige Land. Somit ist dieses Gebet ein Hymnus auf die großen Taten, die Gott im Volk Israel verwirklicht. Ein Hymnus voll Freude und Hoffnung. Gott ist anwesend, mächtig und kümmert sich um sein Volk.

Das zweite Bild (im Blog Werbung oder Mission? wurde dieses Bild in einem Kommentar schon erwähnt) ist augenscheinlich ein Kontrast. Paul Claudel beginnt sein großes Werk, Der Seidene Schuh, mit der Szene eines Jesuitenpaters, der an einen Schiffmast gebunden, umgeben von Leichen, mitten im Atlantischen Ozean, zwischen der Alten und Neuen Welt treibt. Ohne Steuer, ohne Hoffnung, ohne eine Möglichkeit sich los zu binden.

So bin ich wirklich ans Kreuz geheftet, das Kreuz aber, an dem ich hänge, haftet an nichts mehr. Es treibt auf dem Meere. (Paul Claudel, Der Seidene Schuh, S. 16)

Wenn im ersten Bild noch gesagt wurde: „Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm!“ (Dt 26,8), so treibt nun im zweiten Bild der Mensch hilflos und ohne Halt „auf dem Meere“. Das Herausführen aus Ägypten hat auf sichtbare Weise Gottes Macht offenbart. Die verzweifelte Situation des Paters scheint die Machtlosigkeit Gottes zu zeigen.

Aber es wird eine Brücke geschlagen, welche wir alle in unserem Leben bauen müssen. Ob wir uns nun in einer Lebenssituation befinden, in welcher wir auf Schritt und Tritt Gottes Anwesenheit spüren, oder in einer Lebenssituation, die uns über dem Abgrund des Meeres schweben lässt und uns weder Halt noch Sicherheit bietet, beide Standpunkte erfordern eine Brücke. Denn die erste Situation birgt die Gefahr der Selbstgenügsamkeit; die zweite die Gefahr der Verzweiflung.

Ich fasse, ich gebrauche dieses ganze unteilbare Werk, das Gott in einem Wurfe geschaffen hat, und dem ich im Inneren seines heiligsten Willens – dem meinigen hab ich entsagt – inbrünstig verhaftet bin, … Ich habe mich Gott gegeben, und nun ist der Tag der Rast und Entspannung gekommen, und ich darf mich meinen Banden überlassen. (Paul Claudel, Der Seidene Schuh, S. 17)

Die Brücke ist die Tugend der Hoffnung und das „abandon“, das sich Überlassen in den Willen Gottes. Wenn dieser erste Fastensonntag – und somit die ganze Fastenzeit –  unter dem Symbol der Wüste (die Versuchung Jesu im Evangelium) steht, dann um uns zu lehren, von allem los zu lassen; dann um uns allein ans Kreuz des Willen Gottes heften zu lassen, auch wenn dieses anscheinend richtungslos im Meere dieser Welt herumtreibt. Denn alles, auch das Meer, ist in der Hand Gottes. Das „Gerade“, aber auch das „Ungerade“, so Claudel, führt zu Gott.

 

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