Das Umsonst der Liebe Gottes

Betrachtung zum 4. Fastensonntag

Rembrandt van Rijn, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Rembrandt van Rijn, Die Rückkehr des verlorenen Sohnes

Henri de Lubac spricht in seinem Buch über die Gnade von zwei grundsätzlich verschiedenen „Geschenken“ Gottes: das Geschenk der Existenz und das Geschenk des übernatürlichen Lebens. Beide sind in sich genommen unendliche Geschenke. Denn Gott musste uns nicht erschaffen. Als Er uns jedoch erschaffen hat, musste er uns nicht zum übernatürlichen Leben berufen, d.h. zur Einheit mit Ihm. Beides, Existenz und übernatürliches Leben, sind „gratuitas“.

In einem gewissen Sinne kann man das heutige Evangelium vom Barmherzigen Vater (oder Verlorenem Sohn) unter dem Licht dieser beiden unendlichen „Geschenke“ lesen. Es schiebt sich jedoch noch ein weiteres Geschenk zwischen dem der Existenz und des übernatürlichen Lebens: die Erlösung.

Das erste Geschenk ist die Existenz. Der Vater gibt seinem Sohn, auf dessen Bitte, das Erbteil:  „Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.“ (Lk 15, 12). Auf Griechisch heißt es: „gib mir den Teil der Existenz (ousia), welcher mir zusteht“. Gemeint ist alles, was das Leben erhält; die Substanz, der Bestand, der Kern von allem. Hier geht es um sehr viel mehr als ein bisschen gespartes Geld. Gott gibt uns weit mehr als wir es erfassen können: er erhält uns in der Existenz, im Leben, nicht nur am Leben. Dies jedoch ganz als Geschenk. Wir konnten von Gott nicht erfordern, geboren zu werden. In die Existenz gerufen zu werden, war nicht unsere Entscheidung, sondern Geschenk Gottes. Und auch wenn das Leben oft drückt, so ist es doch das, woran alle Menschen am meisten festhalten, und mit Recht: es ist ein Gut, es ist ein Geschenk, es ist in sich positiv.

Wenn es nun dieses Gleichnis die Tür zu einer sehr viel tieferen Dimension öffnet, so ist das „Verschleudern des Vermögens“ (wieder ousia) von seiten den Sohnes durch ein „zügelloses Leben“, weit mehr als eine Geldkrise. Die Sünde (das „zügellose Leben“) zerfrisst nicht nur die äußere Schale unseres Lebens, sondern den tiefen Kern unseres Existenz. Nicht die Umstände strafen die Sünde, sondern sie sich selbst. Man stimmt nicht mehr mit dem überein, was man eigentlich ist. Dies ist das Drama der Sünde, des Bösen, des Vergehens.

Dass dann der Sohn bei sich denkt „ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner“ ist nur allzu verständlich. Denn er hat das „Sohn-sein“ aufgegeben, so wie wir durch die Sünde das „Geschöpf-sein“ aufgeben.

Hier kommt die zweite Gnade ins Spiel. Die Reaktion des Vaters spricht mit Gesten aus, was mit Worten nicht gesagt werden kann: „du bist immer und bleibst auf Ewigkeit mein Sohn!“ Die Erlösung ist eine Bestätigung in dem, was wir wirklich sind: geliebte Geschöpfe Gottes, welche zur Kindschaft berufen sind. Die Beichte des Sohnes wird angenommen in der Umarmung und dem Kuss des Vaters.

„Holt schnell das beste Gewand, und zieht es ihm an, steckt ihm einen Ring an die Hand, und zieht ihm Schuhe an“ (Lk 15,22). Hier treffen wir überraschend auf die dritte Gnade. Felix Culpa, „O glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du gefunden“, heißt es in der Osternacht. Aus Sünde wird Heimkehr, aus Heimkehr wird Erhebung zu einer Neuen Kindschaft Gottes. Sie ist symbolisiert im Gewand, in den Schuhen und im Ring. Christus bringt uns durch seinen Erlösertod nicht nur zurück zum Stande Adams, sondern erhebt uns in der Taufe zur Neuen Kindschaft Gottes.

Keiner dieser „Schritte“ sind notwendig. Der Vater musste dem Sohn nicht das Erbteil geben, da er ja noch lebte; er musste die Beichte und Heimkehr seines Sohnes weder erwarten, noch annehmen; noch weniger musste er aus der Heimkehr ein Fest machen und eine Erhöhung desjenigen, welcher den Besitz mit „Dirnen durchgebracht hat“ (Lk 15, 30). Aber Er hat es getan.

Papst Benedikt predigte schon als Papst Emeritus, am 01.09.2013:

Er (Christus) lädt uns an den Gottestisch, und er sagt uns damit, dass das Umsonst – die gratuità – wesentlich für unser Leben ist. (…) Die größten Dinge des Lebens – die Liebe, die Freundschaft, die Güte, die Vergebung – die können wir nicht bezahlen: Die sind umsonst, wie Gott uns umsonst beschenkt. (Papst Emeritus Benedikt XVI, 01.09.2013)

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