Welchen Sinn hat Leid?

Hier ein Artikel der im „Magazin der Legionäre Christi“ erschienen ist. 

Warum sind Liebe, Leid und Opfer miteinander verbunden?

Matthias Grünewald, Isenheimer Altar

Matthias Grünewald, Isenheimer Altar

Warum sind Liebe, Leid und Opfer miteinander verbunden? Warum musste Christus, um uns zu erlösen, am Kreuz sterben? Wofür sind steinige Wegabschnitte im Leben gut?

Als Christen hören wir oft, dass Liebe und Kreuz zusammengehören. Dass mit der Liebe auch das Leid kommt – Liebe und Kreuz,  das „amor et dolor“ der Lateiner, ein Zweigespann. Aber fragen wir uns nicht auch, warum das überhaupt so ist? Müssen wir das als Christen einfach so hinnehmen, weil es uns von Christus vorgelebt wurde, der für uns aus Liebe am Kreuz starb? Ganz hintergründig geht es schließlich um die Frage, warum die Liebe bei Gott so innig mit Opfer verbunden ist. Dabei spielt auch unsere Alltagserfahrung eine Rolle, denn wir bemerken, wie sehr das Leid gegen unsere Natur geht, dass es spontan ein echtes Sträuben in uns gibt gegen alles, was Leid ist.

Liebe und Leid – war das jemals anders?

Was steckt nun hinter der anscheinend so grundlegenden Verbindung dieser beiden Attribute unserer Existenz? Eine Verbindung, die bis in den Ursprung der menschlichen Existenz zurückreicht: „Ehre deinen Vater von ganzen Herzen, vergiss niemals die Schmerzen deiner Mutter!“ (Sirach 7,27).

Nur wenn man weit ausholt, quasi bis ganz zum Anfang der Schöpfung zurückgeht, kann man ein bisschen in dieses Geheimnis eindringen. Denn eine banale und oberflächliche Antwort befriedigt gerade in dieser Thematik nicht, sind es doch zwei zu sensible und ernste Erfahrungen unseres Lebens.

Grundlage alles Seins und aller Beziehungen ist demnach einzig und allein eine: die der göttlichen Ganzhingabe innerhalb der Heiligsten Dreifaltigkeit. Alles ist aus Gott entstanden, wurde von ihm erdacht, gewollt und erschaffen. Er ist die Quelle alles Erschaffenen. So wie aus einer reinen Quelle reines Wasser fließt, so „fließt“ auch aus dem Einen Gott die Schöpfung als „heilig“ und „gut“. Diese „Kernliebe“, welche wir in den ewigen Beziehungen der Dreifaltigkeit erahnen dürfen, diese vollkommene Ganzhingabe an den anderen, die glänzende Reinheit und Offenheit für die Liebe des anderen, spiegelt sich in der Schöpfung wieder.

Wenn Gott also „sah, dass es gut war“, dann weil es ihm entsprach, und nicht einfach, weil ihm da etwas Nettes und Hübsches gelungen war. Gerade diese Erhabenheit der Beziehung in Gott wird auf besondere Weise den Geschöpfen verliehen, die lieben können: den Engeln und den Menschen.

Wir können uns die Schönheit der Schöpfung vor dem Sündenfall nur schwach vorstellen. Alles war Harmonie und Liebe, Einheit und Abglanz der göttlichen Vollkommenheit in der Liebe. Es gab kein Leid, es gab kein Opfer, es gab nur Leben ganz für den anderen, welches so Leben auch ganz für sich war. Harmonie ist Schönheit und heißt ja gerade vollkommenes Zusammenspiel aller Beteiligten – ohne Misston oder Zerwürfnis.

Eine freie Entscheidung

Nun kommt aber der Sündenfall ins Spiel. Wenn die Hoheit der Schöpfung durch ihre enge Verbindung mit Gott schwer auszumalen ist, so auch die Dramatik und das zerstörerische Ausmaß des Sündenfalls. Es handelt sich hier nicht um ein banales „in den Apfel beißen“, sondern um einen tiefen Eingriff in die göttliche Ordnung. Dieser Eingriff ist nicht einfach ein „Betriebsfehler“. Er erwächst aus der freien Entscheidung der erhabensten von Gott erschaffenen Wesen: Engel und Mensch. Die Reichweite eines solchen Ungehorsams ist schwer zu erfassen. Sie muss einer Lawine gleich gewesen sein, die ganze Naturstrecken mit sich riss. Nur war es kein willenloser Automatismus, welcher von einem bösen Schicksal ausgelöst wurde, sondern die freie Entscheidung von freien Engeln und freien Menschen. Die Versuchung stand und konnte abgewiesen werden. Der Schritt zum Bösen war gewollt.

Dieser Schritt verzerrt seitdem die göttliche Schönheit in der ganzen Schöpfung, und noch mehr die Schönheit der Seele selber. Gerade aus ihr und in ihr wächst nun das Böse und Übel. Somit stellt sich der Mensch durch den Sündenfall nicht nur gegen die Schöpfung und die Mitmenschen, sondern gegen sich selber. Er reißt sich aus seinem eigenen Ursprung heraus und wird zum Heimatlosen und Herumirrenden.

Man muss nicht viel suchen, um diese Heimatlosigkeit zu erkennen. Die ganze Menschheitsgeschichte zeigt die Unrast des menschlichen Herzens, welches immer wieder die erste Ordnung sucht. Gleichzeitig ein Menschenherz, welches sich immer wieder gegen Gott, die Nächsten und sich selbst wendet, und so in eine dramatische Isolierung rutscht.

Die Folge von allem ist das Leid. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen“ (Gen 3,19). Dies bedeutet mehr als nur die Mühe bei der Arbeit. Nein, der Sinn dieser Worte greift noch viel weiter aus. Es heißt, dass die ganze Existenz auf einmal schwer wird. Was eigentlich in sich leicht, gut, geordnet, froh und göttlich ist, wird nun auf einmal dunkel, wirr, schwer, bedrückend und unharmonisch. Das Drama kann nicht größer sein. Der Mensch lebt in einem inneren Widerspruch: Seine eigene Existenz, dieses erhabene Geschenk, wird als unterträgliche Last empfunden.

Von innen erlöst

Nun sind es besonders zwei Ereignisse in der Bibel, welche diese Dramatik aufnehmen und den Weg zum Licht aufzeigen: Abraham, der dem Willen Gottes folgend, seinen Sohn opfern will und im letzten Moment von Gott davon abgehalten wird, und das Kreuz als der Ort, wo Gott nicht davor zurückschreckt, seinen Sohn dem Tod zu übergeben.

In beiden Ereignissen finden wir ein unglaubliches Spannungsfeld vor. Denn beides Mal wird eine Handlung erfordert oder erduldet, welche in sich die zerstörerische Kraft des Bösen offenbart: Ein Sohn wird geopfert. In beiden Fällen, scheint es, wendet sich ein Vater gegen seinen Sohn, und in seinem Sohn auch gegen sich selbst. Die Vorstellung dessen allein ist ungeheuerlich. Beide Situationen sind eng mit den Auswirkungen des Urübels – dem Sündenfall des Teufels und der ersten Menschen – verbunden.

Gleichzeitig bergen diese Ereignisse jedoch auch schon in sich den Weg zum Licht. Denn diese „urböse“ Handlung – der Vater wendet sich gegen den Sohn; der Menschen gegen den Menschen und gegen Gott – wird ja von Gott zunächst selbst erbeten bzw. erduldet, so als ob er das tragische Spiel der Menschheit mitspielt. Bei genauerer Betrachtung handelt es sich jedoch um einen bewussten Akt Gottes, bei dem das an sich Negative und Urböse eine neue, positive Bedeutung erhält. Beide Ereignisse lassen uns in ihrer Dramatik erschaudern, Gott scheint uns so fremd, dass wir sprachlos werden.

An dieser Stelle treffen wir nun auf die grundlegende und wesentliche Antwort Gottes auf das Problem des Bösen: Das Böse wird nicht einfach als „Schönheitsfehler“ wegoperiert und übermalt. Es wird nicht einfach als „schiefe Note“ aus der Partitur gestrichen. Nein, das Böse und das daraus entstehende Leid wird durchlitten und von innen her erlöst.

Der Schriftsteller J.R.R. Tolkien (1892-1973) verwendet in seinem Buch „Das Simarillion“ ein eindrucksvolles Bild. Schöpfung ist für ihn wie ein großes Orchester, das die Gedanken und Melodien seines Schöpfers in Freiheit und Harmonie spielt. Der Sündenfall wird allegorisch dargestellt durch Melkor (ein engelsähnliches Geschöpf), der beschließt „Töne einzuflechten, die er selbst erdacht hatte und die nicht zu Ilúvatars [Gott, der Schöpfer] Thema stimmten“. Tolkien beschreibt die eigenartige Reaktion Ilúvatars wie folgt:

„Da stand Ilúvatar auf, und die Ainur sahen, dass er lächelte. Und er hob die linke Hand, und ein neues Thema kam auf inmitten des Sturms [aus der Schönheit der Melodien war durch die Misstöne Melkors und seiner ansteckenden Kraft eine dissonante Melodie geworden], ähnlich dem ersten und doch anders, und es gewann Kraft und war von neuer Schönheit. […] Und so schien es nun, als ob zwei Lieder zu gleicher Zeit vor dem Thron Ilúvatars erklängen, und sie waren ganz Uneins. Das erste war tief und weit und schön, doch langsam und im Ton eines unermesslichen Leides, aus dem seine Schönheit entsprang. Das andere hatte nun für sein Teil zu einer Einheit gefunden, doch war es schrill und leer und wiederholte sich endlos; und es hatte nicht viel Harmonie, sondern eine lärmende Einstimmigkeit, wie wenn viele Trompeten zwischen wenigen Tönen wechseln. Und es war bemüht, das andre Lied mit der Gewalt seiner Stimme zu ersticken, doch schien es, dass seine leuchtendsten Töne von dem andren Lied ergriffen und in dessen feierlicher Melodie mitgeführt wurden.“ (Das Simarillio, 22-23)

Der Dissonanz des Bösen und der daraus wachsenden Disharmonie in der Schöpfung wird eine Melodie entgegengesetzt, die „langsam“ ist und „im Ton eines unermesslichen Leides, aus dem seine Schönheit entsprang“. Diese „feierliche Melodie“ ergreift die „schrillen und leeren Töne“ der Sünde.

Wie konnte Gott den Menschen wieder vom Bösen befreien? Seit jeher ringen wir Menschen damit und wollen dieses Geheimnis verstehen. In und durch Christus hat Gott den Menschen erlöst und den Bann des Bösen gebrochen. Seit den ersten Jahrhunderten der Christenheit wird der Gekreuzigte auch allegorisch in Verbindung gebracht mit der Geschichte von Orpheus. Jener göttliche Sänger aus Thrakien bezwang in der gleichnamigen griechischen Sage die düsteren Kräfte der Finsternis und des Hades, um seine Geliebte, Eurydike, aus den Klauen des Todes zu befreien. So finden sich auf Katakombengräbern der ersten Christen in Rom auch Bilder von Christus als gutem Hirten, der wie Orpheus mitten unter wilden Tieren auf der Harfe spielt. Nicht Macht und Waffen gebraucht er, sondern die Schönheit einer einfachen Melodie. Alle Tiere, deren Frieden untereinander die Sünde Adams ebenfalls zerriss, sind wieder zusammen, alle Lebewesen scheinen vereint, wie einst im Paradies. In der Vorstellungswelt der ersten Christen standen diese Tiere für alle Menschen und die ganze Schöpfung.

Die Macht der Machtlosigkeit überwindet alles Böse

Nun ist diese „tiefe und langsame“ Melodie, von der Tolkien spricht und die Beethoven so wunderbar im zweiten Satz des 4. Klavierkonzerts vertonte, ein ganz konkretes Ereignis: das Geheimnis der Erlösung durch unseren Herrn Jesus Christus; Menschwerdung, Kreuzesopfer und Auferstehung. Es ist die Machtlosigkeit eines Gottes, welcher in Kälte und Dunkelheit Kind wird und sich leise eingliedert in die schrille Musik dieser Welt. Es ist die Ruhe eines Mannes, dem alle Macht auf Erden und im Himmel gegeben ist, der aber „das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht“ (Jesaja 42,3). Es ist das Opfer des Hirten, welcher selber wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird, ohne den Mund aufzutun (vgl. Jesaja 53,7).

Diese Macht der Machtlosigkeit überwindet alles Böse. Gegen Ende des Satzes von Beethovens Klavierkonzert wird das Protzige des Orchesters immer dünner. Immer mehr gewinnt das Pianoforte die Oberhand, bis es seine Melodie frei entwickeln kann und seine wirkliche Macht und Stärke offenbart. Zu Ende wird ein beruhigtes Orchester vom Piano zum gemeinsamen Schlussakkord geführt.

Dieser Weg Gottes – per crucem ad lucem (durch das Kreuz zum Licht) – ist kein isolierter Einzelakt. Gott ist nicht der Held, der allein die Welt rettet und das Böse besiegt. Eine Melodie entwickelt ihre Kraft und Schönheit immer im Kontext, in Harmonie und Gemeinschaft. Sie zieht an, weiß andere Stimmen einzugliedern und einzubinden. Das Gute breitet sich aus, ist fruchtbar und hinterlässt Spuren.

Christus ist alleiniger Heiland, jedoch nicht isolierter Heiland. Sein Erlösungswerk ist eingebunden und umgarnt von Melodien, die die Hauptstimme unterstützen und stärken. Ganz besonders trägt die mütterliche Stimme Mariens durch ihr „Ja“ das Heilswerk ihres Sohnes. Aber zusammen mit ihr und in ihr fügt sich die ganze Kirche ein, mit allen Menschen, die für Gott und für ihre Nächsten leben.

Wir haben am Anfang gesagt, dass die Schöpfung schön ist: „Gott sah, dass es gut war“. Was sich als neue Schöpfung, als neue Melodie, welche gegen den Sturm des Bösen angeht, entwickelt, ist auch schön.

Das Böse wird von innen erlöst durch das bewusste Opfer des Gottessohnes und aller, die mit ihm Leid in Liebe tragen.

Diese Melodie des Aufopferns bewirkt Milderung des Bösen. Opfer, Kreuz, Leid und Mühsal gewinnen in Christus auf einmal ein neues Attribut: sie sind schön. Schön, da sie nun heilsam sind; schön, da sie verbinden und nicht mehr trennen; schön, da sie durch den leidenden und auferstandenen Christus vergöttlicht wurden.

Somit führt Christus die leidende und sündhafte Menschheit mit seiner stillen, aber unwiderstehlichen Macht, zu einem Schlussakkord, in den – so mögen wir hoffen und beten –, alle Seelen sich am Ende einschließen.

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