O vos omnes

Betrachtung zur Karwoche

Pietà von Michelangelo

O vos omnes qui transitis per viam: attendite et videte si est dolor sicut dolor meus. Ihr alle, die ihr des Weges zieht, schaut doch und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, den man mir angetan.“ (Klagelieder 1, 12). Diese Worte legt die Kirche der Gottesmutter, der Pietà, am Karsamstag in den Mund. Sei es der Karsamstag, aber wohl noch mehr die Betrachtung der Abnahme Jesu vom Kreuz und das Legen seines toten Leibes in den Schoß seiner Mutter, sind wohl die ergreifendsten Momente der Passion. Nach der Brutalität der Verhaftung, des Gerichts, der Geißelung, des Kreuzweges und der Kreuzigung selber, überwiegt hier eine leidvolle, aber doch tief friedliche Ruhe. Alles spricht von der Erhabenheit der Geschehnisse, die nicht banal und oberflächlich gewusst, sondern mit dem Blick der Pietà Michelangelos betrachtet werden wollen. Diese Haltung der ruhigen Betrachtung der Passion möchte in dieser Karwoche besonders gelebt werden. 

Es gibt wohl kein Musikstück, welches so eindrucksvoll diese Einstellung vertont, wie der Eingangschoral der Matthäuspassion von J.S. Bach. Sei es der Ernst, der durch Rhythmus und Bässe vermittelt wird, sie es die Ruhe welche das ganze Stück ausstrahlt, alles ist eine Aufforderung vor der Größe Gottes im leidenden Christus innezuhalten. Im Mittelpunkt des Chorales steht ein einziges Wort: „Sehet“. Zuerst werden wir eingeladen, gemeinsam „zu klagen“: „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen“. Aber schnell schwingt der Choral in eine ständige Aufforderung zur Betrachtung um. „Sehet! Wen? Den Bräutigam. Seht ihn! Wie? Als wie ein Lamm! Sehet! Was? Seht die Geduld. Seht! Wohin? Auf unsre Schuld. Sehet ihn aus Lieb und Huld Holz zum Kreuze selber tragen!“ Was steckt hinter dieser Aufforderung zum „Sehen“.

Der betrachtende Blick, das intuere, ist ein Erfassen der Umwelt, eines Ereignisses oder einer Person ohne das Gesehene nach unseren Kriterien zurechtzubiegen. Diese Art der Betrachtung erfahren wir, wenn wir vor der Schönheit der Natur oder eines Kunstwerkes stehen, aber auch vor der Grausamkeit eines Kriegsverbrechens oder dem Leid eines Bekannten. Man merkt, dass das Erfasste uns irgendwie übersteigt. Bei einer positiven Erfahrung wissen wir, dass diese uns erbaut. Auch wenn wir die Schönheit einer Berglandschaft nicht gänzlich erfassen können, so wirkt sie doch heilend und beruhigend auch unsere Seele.

J.S. Bach möchte uns mit dem Eingangschoral „Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen!“ genau zu dieser Art des „Sehens“ führen. Denn in der Passion Christi vereinen sich Tragik und Schönheit. Das Leiden und der Tod Christi sind in ihrer Brutalität nicht gerade beruhigend. Aber diese Folter und dieses Leid können wir doch als „schön“ empfinden, denn sie offenbaren uns die unendliche und heilbringende Liebe Gottes. Bach vermittelt uns mit seiner Musik die Tragik der Leiden Christi – das Lamm –, aber auch die Schönheit seiner bedingungslosen Liebe – der Bräutigam. Seine ruhige und ernste, wie auch wunderschöne Musik zeigt uns, wie unser Blick sich auf die Größe dieses Ostergeheimnisses richten soll.

So können wir in diese Karwoche besonders die stille Anbetung vor dem Eucharistischen Christus zu suchen, um so einen Zugang zu finden zu dem, was unser Verständnis gänzlich übersteigt: „Nein, wir verkündigen, wie es in der Schrift heißt, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Denn uns hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.“ (1 Korinther 2, 9-10)

 

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