Armuthafte Offenheit

Maria und das Ostergeheimnis

Fra Angelico, Verkündigung

Ratzinger schreibt in „Einführung ins Christentum“ folgende Worte:

Der Stand der Vollkommenheit ist in Wahrheit die dramatische Darstellung der bleibenden Unvollkommenheit des Menschen. (J. Ratzinger, Einführung ins Christentum, 210)

Diese Feststellung folgert er daraus, dass der Christ in einer immensen Spannung lebt: die Berufung zur Vollkommenheit („seid vollkommen…“) und gleichzeitig die Erfahrung unserer Unzulänglichkeit. Denn gerade die aufrichtige Suche nach Heiligkeit offenbart uns, wie sehr wir von der Vollkommenheit entfernt sind.

Da stellt sich die Frage nach dem, was wir Christen dann überhaupt suchen. Was möchte ich als Christ in meinem Leben erreichen? Was bedeutet für mich zu wachsen, in Gnade und Ethos, d.h. Tugendleben? Wie verbinden sich diese beiden Elemente. Hier geht es nicht so sehr um die Diskussion über Gnade und freier Wille. Eher darum, was es für mich bedeutet, geistlich zu wachsen und „heiliger“ zu werden.

Eine sehr aktuelle Frage, denn Ostern ist das Fest des Sieges über Sünde und Tod. Nicht als eine zukünftige Möglichkeit, sondern als eine Wirklichkeit. Aber verspüren wir nicht weiterhin den Stachel der Sünde und des Todes in uns, der uns immer wieder einholt und nach unten zieht?

Ein Weg, um sich diesem großen Ostergeheimnis zu nähern ist die Selige Jungfrau Maria, deren Monat wir nun im Mai feiern. Dazu ein kurzer Abschnitt aus einem Buch von Karl Wallner:

Die Vereinigung zwischen Seele und Gott erfolgt nicht im verzückten, Jenseits, sondern in der realen Lebensgeschichte. Immer wieder kommt Balthasar in diesem Zusammenhang auf Maria zu sprechen, die der Inbegriff dieser Einigung mitten in der Lebenswirklichkeit, ja mitten in der Leiblichkeit ist. Maria ist zu dieser Vereinigung nicht meditativ aufgestiegen, sondern Gott ist in ihre Geschichte hinabgestiegen. Die Voraussetzung auf ihrer Seite war allein die armuthafte Offenheit. Das ist das „marianische Prinzip“, das jeder christlichen Meditation zugrunde liegt. (K. Wallner, Sinn und Glück im Glauben, 43)

Das heißt wir stoßen hier auf einen Weg, der uns nicht fremd sein soll. Oft empfindet man Maria als ein engelhaftes Wesen, welches abgesondert von der Menschheit außerordentliche Gnadengaben empfangen hat. Eine Art irrationale Präferenz Gottes ihr gegenüber, welche er keinem anderen gewährt hat.

Jedoch verhält es sich ganz anders. In Maria dürfen wir ein Geschöpf betrachten, welches bis zur letzten Konsequenz offen war zu Gottes Gnade, und so mit sich hat machen lassen, was Gott mit uns allen vorhat. Auch wenn sie als Wohnung des Sohnes Gottes besondere Gnadengaben empfangen hat, so offenbart uns Maria die Erhabenheit, die „Durchschlagskraft“ der Gnaden Gottes, dort, wo ihr kein Hindernis in den Weg gestellt wird.

Somit ist Mariens Lebenslogik eine ganz andere, wie oft die unsrige. Eine Logik des Sich-beschenken-lassens, wie J. Ratzinger im schon zitierten Kapitel schreibt:

Christsein bedeutet nicht, einen bestimmten Pflichtbeitrag einzuhalten und vielleicht als besonders Vollkommener sogar noch über die Pflichtversicherungsgrenze hinauszugehen. Christ ist vielmehr, wer weiß, dass er ohnedies und in jedem Falle zuerst vom Beschenktsein lebt; dass folglich alle Gerechtigkeit nur darin bestehen kann, selbst ein Schenkender zu sein, dem Bettler gleich, der dankbar für das Empfangene seinerseits großzügig weiterverleit. (J. Ratzinger, Einführung ins Christentum, 210)

J. Ratzinger betitelt das erwähnte Kapitel mit „Gesetz des Überflusses“. Dieser Überfluss ist prinzipiell und erstens der Überfluss der Gnade Gottes. Ein Überfluss, welcher in Maria den fruchtbarsten Boden überhaupt gefunden hat und so die Wunder der Unbefleckten Empfängnis, der Jungfräulichkeit und Aufnahme in den Himmel bewirken konnte. Aber eben auch ein Überfluss, der in ihr zur Selbsthingabe an Gott und ihre Mitmenschen wurde, wie wir es im „Fiat“ und ihrer Rolle als Mutter der Kirche und aller Menschen (sinnbildlich bei der Hochzeit zu Kana) sehen können.

Das bedeutet, dass Maria für uns ein Zeichen der Hoffnung ist. Sie zeigt uns mit ihrer Unbefleckten Empfängnis, dass in uns die Erbsünde endgültig entwurzelt wurde; sie zeigt uns mit der Aufnahme in den Himmel, dass der Tod zu einem Übergang wird und nicht zu einem Bruch; und sie zeigt uns als „Mutter der Kirche“, das es die armuthafte Offenheit gegenüber Gott ist, welche in uns und in unserem Umfeld Früchte des ewigen Lebens hervorbringt.

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